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05.09.2012, Beate Kittl

Wo die wilden Pflanzen wohnen

«Das Pflanzenwissen der Menschen ist extrem schlecht», stellt die Botanikerin Eveline Pfeifer fest, die Teilzeit als Gartenpädagogin für den Botanischen Garten der Universität Zürich arbeitet.
(Beate Kittl)
Mehr Chaos in den Gärten – das ist die Botschaft der Botanikerin und Umweltbildnerin Evelin Pfeifer. Im Naturgarten und im nahen Wald weiht sie Laien in die Geheimnisse von Heilpflanzen und wohlschmeckenden Kräutern ein.

Fünf Frauen und ein Mann mittleren Alters kämpfen sich durchs Unterholz im Männedörfler Wald. Zur Herbstzeitlosen soll es gehen, von der nur die gewundenen gelben Blätter zu sehen sind. Ihr Gift kann zu Atemlähmungen führen, aber auch lindernd bei Gicht wirken. Gefährlich sei vor allem die Verwechslung mit dem Bärlauch im Frühling, erklärt die Umweltbildnerin Evelin Pfeifer, die das Trüppchen anführt. Denn die grünen Blätter spriessen im Frühling, die lila Blüten jedoch im Herbst. Aufmerksam beugen sich die Kurs-Teilnehmenden über die Pflanze, fragen nach der Wirkung des Gifts.
Es ist Evelin Pfeifers Grundidee, dass besser lernt, wer etwas selbst erlebt, statt im Vortragssaal trockener Materie zu lauschen. Sie und ihr Mann Mischa Kaufmann betreuen den Naturgarten und das alte Haus der «Anna-Zemp-Stiftung für umfassenden Mitweltschutz» in Männedorf, die sich für Dinge wie biologischen Landbau, artgerechte Tierhaltung und umweltfreundliche Energieformen einsetzt. Die Begründerin Anna Zemp (1896–1985) war eine Pionierin des Umweltschutzes.

Weide für Spechte
Diese Mission setzt Evelin Pfeifer fort – etwa, indem sie die Gruppe im Wald Brennnesselsamen kosten lässt, die viele gesunde Inhaltsstoffe enthalten. «Das Pflanzenwissen der Menschen ist extrem schlecht», stellt die Botanikerin fest, die Teilzeit als Gartenpädagogin für den Botanischen Garten der Universität Zürich arbeitet. Das führt auch dazu, dass nur wenige in ihren Gärten der Natur Platz einräumen. «Offenbar ist der Druck, einen aufgeräumten, ordentlichen Garten zu haben, sehr hoch», sagt Pfeifer. Dabei sind naturnahe Gärten erwiesenermassen Oasen für seltene Pflanzen und Tiere sowie Korridore für ihre natürliche Ausbreitung.
Studien ergaben, dass die einheimische Eberesche von 63 Vogelarten besucht wird, während nur vier die nicht heimische Hybridform anfliegen. Naturgärten mildern die Zersiedelung der Landschaft ein wenig, denn laut offiziellen Statistiken werden pro Jahr in der Schweiz rund 25 Quadratkilometer Naturland überbaut, was etwa der Fläche des Walensees entspricht.
Ein Naturgarten verdiene seinen Namen, wenn sich natürliche Prozesse abspielen dürfen und einheimische Pflanzen und Tiere Platz finden, erklärt Pfeifer. Aber auch der Mensch soll sich darin wohl fühlen. Der Garten der Stiftung macht das organisierte Chaos vor: Manchmal wuchert eine Ecke ganz zu, oder eine Weide stirbt ab und wird zur Specht-Wohnung. Wespen zerpflücken alte Karden-Stängel für ihren Wohnungsbau.

Hallo «Glögglifrösch»
Im Gemüse- und Heilpflanzengarten hinter dem heimeligen «Huus alle Winde» stehen Himbeeren und Johannisbeeren neben Heilkräutern wie Fingerhut (Herzmittel), Johanniskraut (gegen Depressionen) und die zwei Meter hohe Engelwurz, die als Bittermittel nützlich ist. Im Kartoffelbeet daneben dürfen klassische Ackerbegleitpflanzen wie die Ackerringelblume mitwachsen, die bis heute für Wundsalben verwendet wird. Auch der Trockenstandort vorne am Sonnenhang ist ein typisches Element des Naturgartens. Hier gedeihen etwa die stark bedrohte Küchenschelle und der Flaumige Seidelbast. Diese zieht Pfeifer im Auftrag der Fachstelle Naturschutz des Kantons Zürich heran, die solche Raritäten an geeigneten Standorten wieder ansiedelt. Die Küchenschelle ist giftig und wird vor allem in der Homöopathie häufig eingesetzt. Violett blüht eine weitere bedrohte Spezies im Garten, der Knoblauch-Gamander, der früher als Wundheilmittel und gegen Husten benützt wurde.
Während in einem Designer-Garten nur wenige Arten vorkommen, sind es im Stiftungsgarten über 500. Von dieser Vielfalt sowie von abgestorbenen Bäumen, Totholzhaufen und Wildbienen-Häusern profitieren die Wildtiere. Neben häufigen Arten wie Reh, Fuchs, Igel, Marder und Iltis kommen auch ein Dachs, seltene Schmetterlinge wie das Tagpfauenauge oder sogar die stark bedrohte Geburtshelferkröte vor, der sogenannte «Glöckchenfrosch».

Absterben erlaubt
Etwas von dieser Pracht könne jeder im eigenen Garten verwirklichen, ist Evelin Pfeifer überzeugt, die entsprechende Kurse gibt. Dafür gilt es, einheimische Pflanzen anzusiedeln und viele Nischen zu schaffen: Steinhaufen, Hecken, Brennnessel-Büsche in sonniger Lage, Feuchtbiotope, Trockenstandorte oder eine Kräuterspirale, ein dreidimensionales Beet, in dem Pflanzen aus verschiedenen Klimazonen gedeihen. Pestizide und Kunstdünger sind tabu; ein vielfältiger Garten hält vielen Schädlingen und Umwelteinflüssen auch alleine stand.
Wichtig ist zudem, dass Pflanzen in allen Lebensstadien vorkommen dürfen – auch im Absterbeprozess. So sollten Stauden-Pflanzen im Herbst nicht zurück geschnitten werden. Allein im Wiesen-Bärenklau – der jung als Wildgemüse gegessen werden kann – überwintern 40 verschiedene Insektenarten. Auch Laub unter Hecken und totes Holz in ungenutzten Ecken dürfen liegen bleiben. Igel, zahlreiche Insektenspezies und Eidechsen werden es danken.

www.anna-zemp-stiftung.ch


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Was blüht denn da?
Naturgärten sind Oasen für Pflanzen und Tiere. Doch viele Menschen sind sich gar nicht bewusst, welche gesunden und guten Dinge da wachsen. «ecoLife» hat einige Beispiele für im Naturgarten willkommene Pflanzen zusammengetragen – von der Eberesche über die Weinraute bis zur Wilden Möhre.

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