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20.11.2012, David Coulin

Süden in der Stube

(Ticinoro)
Hart wie Eiche, resistent wie Tropenholz: Kastanie ist ein edler Rohstoff. Trotzdem wird die Kastanie nur an wenigen Orten kultiviert – zum Beispiel in Mergoscia, hoch über dem Verzascatal.

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Wer das Schicksal der Kastanie begreifen will, steigt bei der Abzweigung Corippo kurz vor Lavertezzo aus dem Verzasca-Postauto. Bald schon findet man sich staunend in einem Tessiner Bergbauerndorf von fast musealer Strahlkraft wieder. Alles scheint in diesem heimatgeschützten Weiler stehengeblieben zu sein. Nur die Kirchturmuhr tickt vor sich hin und vergrössert mit jeder Sekunde die schmerzhafte Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Vergangenheit: Das war die Hanfproduktion, aber auch die kleine, noch gut erhaltene Mühle unterhalb des Fleckens. Hier wurde also einmal Korn oder Mais gemahlen. Man schaut die unwirtlichen Flanken hoch und fragt sich: Welcher Mais und von wo? Oder wurden hier Kastanien zu Mehl verarbeitet? Dann folgt man einem Weg, der teilweise in den steilen Abhang hineingesprengt werden musste und nun mit offensichtlich grossem Aufwand unterhalten wird. Wer genau hinsieht, erkennt am Abhang spektakulär angelegte Trockenmauern mit einzelnen Kastanienbäumen. Von den Römern in unser Land gebracht, dienten ihre Früchte tausenden Tessiner Bergbauernfamilien als Nahrungsgrundlage. So lange sie gehegt wurden. Denn konkurrenzfähig sind sie nicht. Auf sich allein gestellt, werden sie von den einheimischen Buchen, Linden oder Vogelbeerbäumen innert Jahren überwachsen, in den Schatten gestellt – und verdursten. Wie hier.

Erschöpfter Sensenmann
Man fragt sich: Wann werden Kastanienbäume wieder eine Chance bekommen? Wann wird man im Oktober wieder die Marroni im Dörrhäuschen über dem Mottfeuer trocknen und zur «festa delle castagnie» die Banda aufspielen lassen? Hier wohl nicht mehr. Dafür weiter vorne, über dem Ferienhäuserdorf Mergoscia.
Mit Geldern von Bund und Stiftungen, im Auftrag von Pro Mergoscia und unter Mitarbeit unzähliger Freiwilliger hat der Forstwart Urs Nüesch hier eine kleine Kastanienselve rekultiviert. Stolz zeigt er die stattlichen Bäume auf wieder in Stand gestellten Geländeterrassen. Sie haben Namen wie «Jimi Hendrix», und in einen Baum ist das Blatt einer «Sägesse» eingewachsen. Vor dem inneren Auge kommen Bilder hoch – Bilder eines Bergbauern, wie er vor vielleicht 70 Jahren mit Trauer im zerfurchten Gesicht, erschöpft und entmutigt die Sense an jenen Baum anlehnte, die Selve ohne noch einmal zurückzuschauen verliess – und auswanderte.

Die Renaissance
Auch heute ist mit den Marroni kein Geschäft zu machen. Die Marktpreise sind im Keller, vielleicht anderthalb Franken bekommt man für ein Kilo geernteter Edelkastanien. Keine Chance, im hügeligen Tessin gegen die Konkurrenz der Kastanienplantagen in Italien oder in China zu bestehen. «Aber das Holz», Urs Nüesch sagt es mit fast verschwörerischem Unterton, «das Holz…».
Er führt einen hinauf zu einer Lichtung, in der eine Ansammlung von Holzbüscheln wuchert. Bei näherem Hinschauen erkennt man Kastanienstrünke, aus denen kreisförmig angeordnet junge Kastanienruten spriessen. «Das sind Stockausschläge», sagt Urs Nüesch. Pfeilgerade schiessen die Triebe in die Höhe – Kastanien wachsen schnell – «und in zwanzig Jahren haben wir hier erstklassiges, ideal verwertbares Kastanienholz».
Sicher – billig wird auch dieses nicht sein, aber das spielt keine Rolle. Denn das Holz der Edelkastanie ist ein Geheimtipp und erlebt eine eigentliche Renaissance. In der Segheria coletta im Vergelettotal wird sie verarbeitet, rundum nachhaltig zu goldbraunen Parkettböden, zu Parkbänken, zu Häuserfassaden. Denn die Holzbeschaffenheit ist phänomenal. Nicht nur ist es unempfindlich gegen Pilzbefall und Fäulnis. Auch hält es unbehandelt allen Wettereinflüssen stand und bleibt so über Jahrzehnte intakt.

Süden reist mit
Optisch ist das Holz «sehr lebendig und trotzdem sehr regelmässig gemasert», sagt Nüesch. Und: «Zum Bearbeiten ist die Kastanie recht weich und gutmütig – hart wird sie erst nach einer gewissen Zeit.» Der einzige Makel ist, dass sich im Kastanienholz Risse bilden können und die natürliche Gerbsäure austreten kann. Wer damit leben kann, wird reichlich belohnt mit dem typischen Geruch des Kastanienholzes nach verdichteter Sonne. Darin liegt das eigentliche Geheimnis des Holzes: Wohin seine Reise auch geht – der Süden reist mit.

***

Ticinoro: Grünes Gold

Parkettböden aus Tessiner Edelkastanie erleben eine Renaissance. Das verdankt das Multitalent aus der Südschweiz vor allem seiner lebendigen Optik und seiner hervorragenden Stabilität – und Ticinoro. Seit dreissig Jahren setzt das Unternehmen ganz auf Schweizer Produktion. Dies, obwohl maximal zehn Prozent des Kastanien-Schlagholzes die erforderliche Qualität aufweist. Beim Aufsägen der unterschiedlich grossen Stämme und Bretter wird zudem jeder Schnitt individuell von Auge festgelegt und von Hand ausgeführt. Dies führt zum einzigartig lebendigen Erscheinungsbild der verschiedenen Parkettböden, die Innenräumen viel Eleganz verleihen.
www.ticinoro.ch

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