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06.11.2012, Vera Rüttimann

Die besondere Aussicht

  • (Vera Rüttimann)
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Das «Solsana» in Saanen ist ein besonderer Ort: Das in reizvoller Landschaft gelegene Hotel ist auf die Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Gästen ausgerichtet. Menschen wie Pascal Lonfat und Begonia Vazquez können hier entspannt Ferien machen. Nichtbehinderte ebenfalls.

Auf einer sonnigen Aussichtsterrasse am Südhang oberhalb des Berner Oberländer Dorfes Saanen auf 1150 Metern über Meer steht das «Solsana». Die auffällig ausladenden Balkone verbreiten einen Hauch von Thomas Manns «Zauberberg». Pascal Lonfat ist einer der Hotelgäste hier. Vom wunderbaren Anblick weiss er aber nur aus Erzählungen. Und dennoch kennt er in diesem Hotel jeden Meter. Das kommt so: Das 1913 erbaute Haus war zuerst Höhenklinik für tuberkulosekranke Kinder. 1974 zog der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband ein. Das mondäne Hotel ist heute spezialisiert auf sehbehinderte Gäste.

Nie orientierungslos
Pascal Lonfat, Vizepräsident des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, ist sehbehindert und oft hier. Sein Schicksal teilt er mit Begonia Vazquez, die er im Hoteleingang trifft. Blind und orientierungslos im Hotel? Nicht doch. Die «Etagenkommode» hilft. In einzelnen Schubladen sind Gebäude und Räume des «Solsana» in Miniatur nachgebaut und mit Brailleschrift versehen. Mit ihren feinnervigen Fingern ertasten die beiden den gesuchten Raum. «Das Solsana ist für viele Sehbehinderte wie ein zweites Zuhause, weil sie hier alles kennen», sagt Hoteldirektor Daniel Leuenberger.
Manches ist hier anders. Die Zimmerbeleuchtung ist indirekt, damit Sehbehinderte nicht geblendet werden. Überall im Hotel dominiert gelb. Eine Farbe, an der sich Gäste wie Pascal Lonfat besonders gut orientieren können. Die Gehplatten weisen zur Orientierung unterschiedliche Oberflächenstrukturen auf. Auch Reliefbilder an Wänden helfen weiter.

Zimmer mit «Aussicht»
Pascal Lonfat geniesst den speziellen Komfort für Sehbehinderte. Der ausgelegte Menüplan, die Zimmermappen des Hotels, alles ist in Brailleschrift verfasst. Der Mittfünfziger geniesst es, dass er hier ein freies, unabhängiges Leben führen kann. «Nicht eingesperrt in irgendeinem Heim.» Besonders liebt er den Balkon, auf dem er gern den Kopf in den Wind hält. Die Chalets von Reichen und Berühmten wie Ursula Andress, die hier wohnen, sieht er nicht. Auch nicht das reizvolle Saanental und Gstaad, woher das Knattern eines Helikopter zu hören ist.
Pascal Lonfat war 36 Jahre alt, als er wegen abnehmender Sehkraft seine Arbeit als Laborant bei Ciba Geigy beenden musste. Der Romand ist jedoch nicht verbittert und hat wie viele Gäste hier sein Schicksal akzeptiert. Er versucht pragmatisch, das Beste aus seiner Situation zu machen. Er lacht viel und trifft sich mit Freunden in einem urchigen Raclette-Stübli in Saanen gern zum Aperitif. Die Ferienregion Gstaad/Saanenland lockt ihn zu manchem Freizeitabenteuer. Lonfat wandert und fährt Tandem. Im Winter fährt er in Gstaad mit Hilfe einer geschulten Begleitperson sogar Ski. Ganz besonders liebt er das «Menuhin Festival» in Gstaad, ein Festival für klassische Musik.

Besonderer Gästemix
Die entspannende Umgebung und solche Freizeitangebote sind ein Grund, weshalb im «Solsana» auch viele sehende Gäste – darunter zahlreiche Familien – zu nicht überteuerten Preisen logieren. Auch das Hotel selbst geizt nicht mit Aktivitäten. Nebst Töpfer-, Koch-, Computer- und Tanzkurse werden jeweils im Frühling die Schachmeisterschaft der Blinden und im Herbst die Kegel- und Jass-Meisterschaft durchgeführt. Im Gymnastiksaal gibt es Rücken- und Entspannungskurse.
Das «Solsana» ist umgeben von einer prachtvollen alpinen Kulisse. So gehören zum Angebot des Hotels auch drei Spazierrouten für Sehbehinderte. Begonia Vazquez ist hier besonders gerne mit ihrem Labrador unterwegs. Der Weg ist mit Seilen ausgespannt. Auf dem Weg liegt kein Ast, kein Stein, nicht mal ein Papier. Um Unfälle zu vermeiden, werden die Routen wöchentlich kontrolliert. Begonia Vazquezs Labrador trägt kein Führgeschirr. «Rund um das Hotel muss er mit mir nicht im Führgeschirr arbeiten, weil er merkt, dass ich seine Hilfe kaum brauche. Für uns ist das hier wie im Paradies.» Hunde dürfen nicht nur bei ihren Meisterinnen und Meistern übernachten, es gibt auch eine extra Hundedusche für sie. «Falls sie sich in einem Kuhfladen gewälzt haben, gibt es mit duschen, föhnen und bürsten das ganze Programm für den Hund», schmunzelt Hoteldirektor Leuenberger.
Im Restaurant des «Solsana» trifft Begonia Vazquez auf Pascal Lonfat. Für die beiden Stammgäste ist der Speisesaal mit seinem auslandenden Wintergarten das Herzstück des Hotels. Hier treffen Sehende auf Sehbehinderte. Dieser Mix schafft eine spezielle Atmosphäre. Weil vielen ihre Behinderung nicht anzusehen ist, gibt es auch unsichere Blicke seitens der Gäste. Begonia Vazquez kennt das und sagt: «Ein Lachen kann alles entkrampfen.»

www.solsana.ch

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