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04.12.2012, Sarah Forrer

Tüfteln mit der Natur

(Dr. Hauschka)
Naturkosmetik wurde lange in die gleiche Schublade gesteckt wie Wollpullis, Hippiröckchen und Birkenschuhe. Diese Zeiten sind vorbei. Heute sind Cremes und Tuben auf natürlicher Basis gefragter denn je – auch bei Stars. Ein Blick hinter die Kulissen.

«Jeder, der Spass am Rühren und am Experimentieren hat, ist bei uns richtig.» Das sagt nicht etwa Jamie Oliver, der für seine Restaurants einen Koch sucht. Nein. So beschreibt Barbara Bücherl ihren Beruf. Die 36-Jährige ist eine von fünf Mitarbeitenden, die für das deutsche Naturkosmetikunternehmen Börlind Produkte entwickelt. Konzentriert rührt sie in einem kleinen Schälchen mit einer weissen Salbe herum. Gibt noch etwas Jojobaöl hinzu. Und lässt es dann ruhen. Tausende solche kleinen Muster hat sie bei der Firma schon angerührt. Nur ein Bruchteil davon führte zu einem brauchbaren Ergebnis. «Bei Naturkosmetik gilt es, geduldig und hartnäckig zu forschen. Das braucht Zeit. Dabei kommt uns natürlich die fast 60-jährige Erfahrung zugute», betont Bücherl.
Das Schwierigste sei, ohne chemische Zusätze eine lang haltbare Substanz zu produzieren, die nicht ranzig wird. Sich nicht scheidet. Experimentiert wird mit allem, was die Natur zu bieten hat: Bienenwachs, Jojobaöl, Rosenblätter, Lilien oder Sechuanpfeffer. Die Rohstofflieferanten liefern von überall aus der Welt in den hintersten Ecken des Schwarzwalds.

Die Pionierin
Dort liegt der Hauptsitz von Börlind. Idyllisch im grünen Wald eingebettet steht das moderne weisse Gebäude. Die Eingangshalle ist hell. In der Mitte blubbert ein kleiner Brunnen mit quelleigenem Wasser. Zwei kleine Bäume ragen gegen die hohe Glasdecke. An der Wand hängen zwei grosse, golden eingerahmte Gemälde. Eines zeigt eine ältere Frau mit einer Haut – wie könnte es anders sein – eines frischen Pfirsichs. Die heute 92-jährige Annemarie Lindner, ist mehr als nur die Mitgründerin des Unternehmens: «Sie ist die Pionierin der Naturkosmetik», betont Thomas Mendes, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Aufgewachsen im Osten Deutschlands machte Lindner ihre ersten Naturprodukte bereits während der Nachkriegszeit. Als ihr die Sozialisten Ende der 50-er Jahren das florierende Geschäft enteignen wollten, flüchtete sie mit ihrem Mann in den Süden Deutschlands. Zusammen bauten sie die Firma neu auf. Ihr Leitgedanke: «Was ich nicht essen kann, gebe ich mir nicht ins Gesicht.» Seit 1978 führt ihr Sohn Michael den Betrieb. Die Grundsätze sind dieselben geblieben: Keine Tierversuche, keine Chemie, möglichst Bio und nachhaltig.

Lukrativer Markt
Und Börlind fährt gut damit: Die Firma zählt heute 200 Mitarbeitende und schreibt zweistellige Wachstumsraten. Aber auch im Schwarzwald lässt sich die Zeit nicht anhalten. Börlind muss sich gegen die zunehmende Konkurrenz wappnen. Die Strategie: «Eine wirkungsvolle Premiummarke, die grünen Glamour versprüht», so Mendes. Ein Blick auf die Produktepalette unterstreicht die Worte. Der neueste Coup: Die Trüffelcreme NatuRoyale Biolifting. «Da stand am Anfang die Frage: Wie verbindet man Natur mit Luxus?», erinnert sich Bücherl. Marketing, Vertrieb und Produkteentwickler diskutierten gemeinsam. Danach ging es ans Experimentieren – bis das Endprodukt stand. Heute wird die Creme, wie alle Produkte von Börlind, in Calw hergestellt, verpackt und in die Welt verschickt. Über 30 Länder beliefert die Traditionsmarke. Hauptmarkt ist Deutschland. Doch auch Russland wird immer wichtiger.
Und die Schweiz. In den letzten Jahren verzeichneten Naturkosmetikhersteller hierzulande zweistellige Wachstumsraten. Einzig im letzten Jahr zeigten sich wegen des starken Frankens und der Krise die ersten Bremsspuren. Dennoch ist Roger Bachmann von Biopartner, dem grössten Schweizer Vertrieb von Bioprodukten, überzeugt: «Es besteht eindeutig ein Trend hin zu Naturkosmetik. Die Konsumenten kaufen bewusster und nachhaltiger ein.» Genaue Zahlen gibt es zwar aufgrund verschiedener Definitionen der Naturkosmetik nicht, doch der Geschäftsfeldleiter schätzt, dass heute 100 Millionen Franken mit Naturkosmetik umgesetzt werden. Das sind rund drei Prozent des Gesamtkosmetikmarktes. Der Branchenprimus sei ganz klar Weleda, die Marke, die etwa auch bei Coop verkauft wird. Danach folgten Marken wie Dr. Hauschka und Biokosma. Auch herkömmliche Firmen wie Nivea und L’Oreal setzen vermehrt auf Naturprodukte, die Migros hat Eigenmarken im Angebot. Bachmann beobachtet diese Entwicklung jedoch skeptisch: «Es stellt sich die Frage, wann ist Naturkosmetik wirklich Naturkosmetik?»

Gegen den Strom
Um diese Frage kümmert man sich bei Dr. Hauschka wenig: «Wir gehen unseren eigenen Weg», sagt Andrea Robert Odermatt, Leiter der Tochterfirma in der Schweiz, selbstbewusst. Das darf er auch sein, gilt Firmengründer Rudolf Hauschka doch als Pionier der Naturheilkunde. Er entwickelte Anfang der 30er-Jahre nach der Lehre der Anthroposophie ein eigenes Verfahren, wie aus Pflanzen wertvolle Essenzen gewonnen werden können. Anfänglich verkaufte er mit der Firma Wala nur Arzneimittel. Zusammen mit der Kosmetologin Elisabeth Sigmund entwickelte er Jahre später auch Naturkosmetik.
Die Produkte werden noch heute in Eckwälden, einem idyllischen Fleck in der Schwäbischen Alb hergestellt. Umgeben von grünen Wäldern liegt ein 45 Hektaren grosser Garten mit über 150 verschiedenen Pflanzen. Der Anbau und die Pflege erfolgen nach eigenen Regeln. Der Mond bestimmt das Ansäen. Die Bienen aus dem eigenen Bienenstock übernehmen das Befruchten. Und der Sonnenstand bestimmt den Erntezeitpunkt. Schnecken werden weder vergiftet noch zerschnitten, sondern jeden Morgen eingesammelt und in den naheliegenden Wald geworfen – von wo sie den Weg zurück ins Paradies sicher wieder finden.
Diesen Aufwand nimmt man in Kauf: «Der Rhythmus der Natur bestimmt die Arbeit» sagt Odermatt. Und die Produktepalette. Als die EU die Filterregeln bei Sonnencremes verschärfte und diese ohne chemische Zusätze nicht mehr herstellbar waren, kippte Dr. Hauschka das Produkt aus dem Sortiment. «Wir versetzen unsere Grenzen nicht, nur damit ein Produkt entwickelt werden kann», erklärt Odermatt. Auch bei den Nachtcremes schwimmt Dr. Hauschka gegen den Strom. Anders als die meisten Hersteller gibt es diese nur fett- und ölfrei. «Wer seinen Talgdrüsen immer die Arbeit abnimmt, der erzieht sie zur Faulheit», erklärt Odermatt. Weniger sei mehr.

Beliebter Sonderling
Diese Eigenwilligkeit scheint besonders bei den Promis anzukommen: Während andere Marken viel Geld für Marketingkampagnen mit Stars ausgeben, werben sie für Dr. Hauschka gar gratis. Odermatt erzählt von einer Anekdote mit Julia Roberts. Beim Dreh zu «Erin Brockovich» war die Haut der US-Schauspielerin irritiert. Eine Visagistin brachte der heute 45-Jährigen eine Creme von Dr. Hauschka – die Haut war begeistert und Roberts auch. Für die Medien ein schönes Geschichtchen und für die Firma ein Segen. «Das sind natürlich schöne Steilpässe für uns», sagt Odermatt lachend. Auch Madonna oder das Schweizer Topmodel Nadine Strittmatter outeten sich schon als Hauschka-Fans.
Odermatt bleibt trotz des Hypes realistisch: «Allein von der Produktion her sind uns Grenzen gesetzt.» Als Beispiel nennt er den Klassiker, die Rosencreme. Ein Strauss Rosen oder 1000 Blätter, nach Demeter-Richtlinien aufgezogen, braucht es für eine einzige Tube. «Wir können nicht einfach mal das Doppelte liefern. Das geht nicht», sagt Odermatt. Entscheidend für die Zukunft sei, den Platz als beliebter Sonderling auf dem Markt zu halten und sanft auszubauen – ganz nach dem Rhythmus der Natur.


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Was ist Naturkosmetik?

Naturkosmetik ist kein geschützter Begriff. Jeder, der will, darf also dem Begriff werben – auch wenn nur ein Bruchteil des Inhalts auf natürlicher Basis hergestellt wurde. Grundsätzlich sollte Naturkosmetik keine synthetischen Chemikalien wie Silikone oder Lösungsmittel enthalten. Wenn ein Grossteil der Rohstoffe aus biologischem Anbau stammt, kann man von biologischer Naturkosmetik sprechen. Orientierungshilfe bieten Labels: Jedoch zertifizieren in Europa gleich mehrere Organisationen Marken mit unterschiedlichen Anforderungen – sehr zum Leidwesen des Konsumenten. Die bekannteste hierzulande ist das Deutsche «BDIH» oder das französische Ecocert. Seit fünf Jahren gibt es zudem das Label «NaTrue», welches international zur Anwendung kommen soll.

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